Krampfadern

 

Krampfader kommt nicht von Krampf oder Krämpfe. Krampfadern machen normalerweise noch nicht mal Krämpfe. Das Wort Krampfadern kommt aus dem alten Mitteldeutsch und leitet sich von dem Wort Krumm ab. Die Krampfader ist also in Wirklichkeit eine Krummader. So wird die geschlängelte Form beschrieben.

 

•  Wie kommt man zu Krampfadern?

Im Wesentlichen durch Veranlagung. Und wenn Mutter und Vater keine Krampfadern haben, dann gab es sie bei der Oma oder bei einer Tante. Ganz selten treten sie ohne erkennbare Vererbung als so genannte Mutation auf.

 

•  Was begünstigt die Entstehung von Krampfadern?

Eine Vene ist ein Meisterwerk des Bluttransportes. Alle etwa 8 cm ist eine Klappe eingebaut, die den Rückfluss ins Bein oder in den Arm verhindert. Die Vene ist auf bestimmte Belastungen vorbereitet, aber nicht darauf

- den ganzen Tag schwer heben zu müssen (Metzgereiverkäuferin)

- den ganzen Tag Schwerstarbeit zu verrichten (Bäuerin)

- den ganzen Tag im Sitzen zu arbeiten (Sekretärin)

- unzählige Male gegen ein Hindernis im Bauch anschieben zu müssen (Mehrfachmütter)

und so weiter. Vor allem, wenn mehrere solche Situationen zusammenkommen, macht die Vene irgendwann schlapp. Erst leiert sie aus, dann gehen die Klappen kaputt. Ist erst mal eine Klappe kaputt, folgen weitere fast automatisch. Denn die verbleibenden Klappen müssen nun einen doppelt so langen Abschnitt kontrollieren und das geht nur gewisse Zeit gut, siehe auch Venenkreislauf.

 

•  Oberflächliche Krampfadern

Krampfadern gibt es nur im oberflächlichen Venensystem. So werden die Venen bezeichnet, die direkt unter der Haut liegen und im Wesentlichen das Blut aus der Haut sammeln. Sie münden in so genannte Verbindungsvenen, die dann das Blut ins tiefe Venensystem abgeben. Im tiefen Venensystem sind die Venen fest ins Muskelgewebe eingebettet. Tiefe Venen können zwar ausleiern und immer dicker werden, aber da sie sich nicht schlängeln können, also eben nicht krumm werden können, gibt es keine tiefen Krampfadern. Gelegentlich werden die erweiterten tiefen Venen als “tiefe Krampfadern“ bezeichnet, was aber nicht richtig und meines Erachtens auch nur irreführend ist. Die meisten Patienten, die mit der Diagnose „tiefe Krampfadern“ kommen, haben Beschwerden in den Beinen, die bislang nicht richtig eingeordnet wurden. Ihnen wurde sozusagen hilfsweise erklärt, sie hätten tiefe Krampfadern, um den Beschwerden überhaupt einen Namen zu geben. Leider wurde ihnen dann meist im gleichen Atemzuge mitgeteilt, dass „man dagegen nichts machen kann“. Im besten Falle hat man den Patienten trotzdem Strümpfe verschrieben und ihnen damit immerhin geholfen, ihre Beschwerden in den Griff zu bekommen.

 

Tiefe Krampfadern, Leitveneninsuffizienz und dilatierende Phlebopathie

Die Erweiterung der Venen wie man sie von den Krampfadern kennt, führt im tiefen Venensystem zur dilatierenden Phlebopathie und später zur Leitveneninsuffizienz. Die dilatierende (ausleiernde) Phlebopathie (Venenkranheit) beschreibt die Zunahme des Durchmessers über den Normwert hinaus. Diese Erweiterung führt irgendwann zur Leitveneninsuffizienz (= Funktionslosigkeit der tiefen Vene), nämlich genau dann, wenn die Klappen ihre Funktion nicht mehr ausüben können, weil die Vene so weit geworden ist, dass die Klappenränder sich nicht mehr aneinander legen können.

Die dilatierende Phlebopathie und im fortgeschrittenen Stadium die Leitveneninsuffizienz sind ein schweres Krankheitsbild. Diese Patienten haben anfangs müde, schwere Beine in Abhängigkeit von langem Stehen und Ähnlichem, später werden die Beine immer unruhiger und schließlich kann es zum offenen Bein kommen, ganz ohne dass je eine Krampfader zu sehen war.

Es ist deshalb sehr wichtig, Beinbeschwerden immer mit Doppler und Duplex in Ruhe anzuschauen, die tiefen Venen zu messen und ihre Funktion zu prüfen. Es reicht in solchen Fällen nicht, die Beine anzuschauen und den Patienten mit den Worten „Sie haben keine Krampfadern“ zu beruhigen. Er ist deswegen auch seine Beschwerden nicht los, sondern wird den nächsten Arzt aufsuchen.

 

Die Behandlung besteht im Tragen von Kompressionsstrümpfen. Sie nehmen dem Betroffenen fast schlagartig die Beschwerden und werden sehr gern getragen, wenn sie gut passen und nicht unsinnig verordnet werden. Die Strümpfe sind ein einfaches, stets verfügbares und sehr hilfreiches Mittel, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen und genau darum geht es: die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Strümpfe nicht getragen werden müssen, wenn gar nichts weh tut. Das heißt aber auch, dass man dem Patienten die Verantwortung getrost überlassen kann, denn er spürt besser als der Arzt, was er wann braucht. Erfahrungsgemäß wird er sich auch fast immer verantwortungsbewusst entscheiden, wenn er begriffen hat,

- was bei ihm los ist

- was er tun kann

- was passiert, wenn er nichts tut

- woran er erkennt, dass er im grünen Bereich ist

- welche Alternativen er hat

- mit welchen Konsequenzen sein Verhalten verbunden ist.

 

•  Jugendliche und Krampfadern

Leider können Krampfadern schon bei Kindern auftreten. In diesen Fällen ist es besonders wichtig, das Kind frühzeitig kompetent von einem Phlebologen untersuchen zu lassen. Solche frühen Krampfadern können dadurch verursacht sein, dass Venenklappen von Geburt an fehlen. Je früher man einen solchen Befund kennt, um so besser kann der Betroffene sich darauf einstellen und Komplikationen bzw. Folgen dieses Klappendefektes vorbeugen.

Ein relativ häufiges Problem sind erste Besenreiser in der Pubertät. Auch in diesem Falle sollte eine Untersuchung der (gesamten) Beinvenen erfolgen. Bei den Betroffenen finden sich relativ oft erweiterte tiefe Venen. Die sind zwar an sich noch keine krankhafte Veränderung, aber normal sind sie auch nicht. Deswegen sollte der Betroffene wissen, dass er mehr als andere auf seine Beine achten muss. Auch Verlaufskontrollen sind meines Erachtens sinnvoll, damit der Betroffene erkennen kann, ob seine Lebensweise für seine Venen o.k ist oder ob er seine Venen so sehr stresst, dass sie sich immer mehr erweitern. Immerhin führt eine fortschreitende Erweiterung quasi gesetzmäßig dazu, dass die Klappen in den tiefen Venen nicht mehr schließen können. Und das bedeutet auf die Dauer eine erhebliche Funktionsbeeinträchtigung der tiefen Venen, die für rund 80% des Bluttransportes in den Beinen zuständig sind.

Also lieber einmal mehr nachschauen lassen!

 

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